Tuesday, March 22, 2016

Anchor Brewing Company

Frederick Louis "Fritz" Maytag III wird heute als einer der Väter, wenn nicht sogar als DER Vater  der amerikanischen Microbrewery  bzw. Craft Beer Szene gesehen.  Er hat eine ganze Generation von Craft Brauern nachhaltig inspiriert. Wie kam es dazu? Im Jahre 1965 sass der 28 jährige Fritz mal wieder an der Bar seiner Stamm Pizzeria in San Francisco und trank sein Lieblings Bier. Der Wirt sagte irgendwann zu ihm, dass er noch ein paar Tage Zeit hätte diese Bier zu trinken, denn die Brauerei sei pleite und würde kommenden Freitag schliessen. Fritz bezahlte und machte sich direkt auf den Weg zur Anchor Brewing Company, die sich ein paar Blocks weiter befand. Er sprach mit den Besitzern und entschied noch am selben Tag die Brauerei zu kaufen und somit vor der Schliessung zu retten. Folgende Umstände begünstigten dieses Unterfangen: Fritz befand sich zu der Zeit sowieso auf der Suche was er sinnvolles aus seinem Leben machen könnte und auf der anderen Seite hatte er das entsprechende Kapital zur Verfügung da er aus der amerikanischen Waschmaschinen Dynastie Maytag stammt. Er verkaufte seine Aktien Anteile an der Maytag Inc. und investierte das Geld in die Brauerei.
Was machte Anchor so besonders?  Die Brauerei wurde 1896 von einem deutschen Einwanderer gegründet und braute damals ein in Kalifornien sehr populäres Bier das heute als eigener kalifornischer Stil betrachtet wird: das Steam Beer. Dabei handelt es sich um einen Hybrid, bei dem Lager Hefe (untergärige Hefe)  verwendet aber bei Ale üblichen Temperaturen vergoren wird (Lager wird normalerweise kalt vergoren). Das gibt ein recht Charaktervolles Bier. Der Stiel wir heute als California Common Beer bezeichnet und erfreut sich im heutigen Craft Beer Zeitalter in Kalifornien wieder zunehmender Beliebtheit.  Auf jeden Fall war die Brauerei recht erfolgreich bis 1919 die Prohibition in Kraft trat. Es ist nicht übermittelt was die Brauerei bis Ende der Prohibition (1932) machte allerdings nahm sie die Brautätigkeit wieder auf. Nach dem 2. Weltkrieg begann dann die Industrialisierung im Brauerei Gewerbe, angeführt von den „Anheuser- Busch’s“, „Miller‘s“ und „Coor’s“ Amerikas. Es wurde auf rundgelutschte Lagerbiere (Massen Markt tauglich) zu günstigen Preisen gesetzt. Da waren die Grossen natürlich im Vorteil und kleiner Brauereien hatten es schwer da mitzuhalten und standen in der Folgezeit oft vor dem aus. Bei Anchor war es dann 1959 zum ersten Mal soweit und die Brauerei schloss für ein Jahr, wurde dann aber von neuen Besitzern wieder eröffnet. Die hatten es nicht wirklich im Griff und produzierten des Öfteren,  Aufgrund von Unkenntnis, veralteten Anlagen und mangelnder Hygiene,  Bier von unterschiedlicher Qualität. Das brachte der Brauerei dann den Ruf ein, saure und schlechte Biere zu produzieren und führte im Jahr 1965 nahezu zum aus…
…wäre da eben nicht dieser Fritz Maytag daher gekommen. Allerdings war es jetzt mit Fritz Geld und seinem Mut alleine noch nicht getan. Er musste erst das Brauen erlernen und auch verstehen, wo genau die Fehler lagen. Als Resultat setzte er auf ein qualitatives hochwertiges Produkt, gebraut  mit Besten Zutaten (die Mega-Brauer verwenden z.B. viel Mais, Anchor setzt stattdessen auf Gerste). Fritz erkannte dass er sowieso preislich mit den Mega-Brauereien nicht mithalten konnte. Also musste sein Bier einfach besser (Charakter voller)sein, dann waren die Leute auch bereit mehr zu bezahlen.
1971 war es dann so weit: Anchor kam mit einem California Common Beer namens Anchor Steam Beer, abgefüllt in Flaschen, auf den Markt (ab 69 gab es das Bier schon im Fass). Dieses Bier ist bis heute der Bestseller der Brauerei. Ausserdem unternahm Fritz in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre „Exkursionen“  nach U.K. und spürte dort alte, traditionelle britische Braustile, wie Porter, Barley Wine und IPA auf. Basierend auf den Entdeckungen wurden dann bei Anchor neue Biere entwickelt und so kamen dann 1972 das  Anchor Porter (1974 erstmals in Flaschen), sowie 1975 das Liberty Ale und das Old Foghorn (Barley Wine, erstmals 1976 in Flaschen) auf den Markt.  All Diese Biere sind nach wie vor erhältlich. Auch wenn sie längst nicht mehr als spektakulär wahr genommen werden, waren sie in den 70er Jahren aber auf dem US Markt revolutionär und inspirierten die Homebrewing Szene, die 1979 startete, nachhaltig (bis 79 war es in USA nicht legal privat zu brauen, unter Präsident Carter wurde das geändert.  In den folgenden Jahrzehnten wurden dann zusätzlich auch noch saisonal verschiedene neue Biere angeboten. 2010 verkaufte Fritz Maytag die Brauerei an zwei ehemalige Top Manager von „Sky Vodka“, die sich aber erklärten, sie wollen grundsätzlich das Business Modell der Brauerei beibehalten. Anchor brachte in den letzten Jahren noch neue Biere wie Breckle's Brown (2010), Anchor Lager (2012) oder Anchor IPA (2014, das erste „offizielle“ IPA der Brauerei) an den Start.
Ich hab mich mal durch einen Querschnitt der Biere von Anchor durch „verkostet“, nachfolgend meine Ergebnisse:
  • Anchor Steam Beer, 4.9% ABV: gehopft mit Nothern Brewer. Diese Bier ist das Flagship der Brauerei. Der Stil wird heute als „Calaifornia Common“ bezeichnet und erlebt derzeit eine kleine Renaissance an der US Westküste. Es ist ein traditioneller Typ, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Kalifornien zur Zeit des Goldrushs entstand. Um die Zeit kamen die modernen Lager Biere von Europa nach Amerika und fingen ebenfalls dort an die Ales zu verdrängen. Das Problem aber war, das man für untergärige Biere (Lager) tiefere Temperaturen zur Vergärung braucht. Die sind von Hause aus recht selten in Kalifornien und künstliche Kühlung war (noch) nicht vorhanden. Folglich ist dieser Hybrid entstanden: es wird untergärige (Lager) Hefe verwendet aber bei Ale üblichen Temperaturen vergoren. Dieser Stil war bis zur Amerikanischen Prohibition äussert populär in Kalifornien und so war es auch das erste Bier, das Anchor 1896 bei der Eröffnung präsentierte. Mit Beginn der Prohibition verschwand dann auch „California Common“ mehr oder weniger in der Versenkung. Fritz Maytag reanimierte den Stil dann nach Übernahme der Brauerei und kam 1971 mit der ersten Flaschen abgefüllten Version auf den Markt. Eben dieses Bier ist bis heute so erhältlich. Das Bier schmeckt sehr vollmundig, nach Malz und Karamell und hat eine angenehme bittere im Abgang.
  • Anchor Porter, 5.6% ABV: 1972 erstmals gebraut, 1974 die erste in Flaschen abgefüllte Version. Aroma von Kaffee und Schokolade, im Körper kommt dann eine leichte Säuere durch wie man sie von britischen Portern eigentlich nicht kennt und der Abgang ist es dezent Bitter. Ein gut gemachtes Porter, das man sich schon mal gönnen kann.
  • Liberty Ale, 5.9% ABV: erstmalig 1975. Das ist ein Stück Historie: das erste Hopfen gestopfte (kalt gehopfte) Bier der amerikanischen Post-Prohibition Zeit! Das war eine Revolution. Spätestens damit war die Revolution endgültig gestartet und der Rest ist Geschichte!  Es wird heute als American Pale Ale eingestuft aber im eigentlichen Sinne war es ein IPA, weil klassisch britische Pale Ales nicht hopfengestopft wurden. Die Kalthopfung hat im Prinzip aus einem Pale Ale ein IPA gemacht. Heute ist es aber so, das West Coast IPAs normalerweise mehr Alkohol enthalten und noch stärker gehopft werden und auch viel fruchtiger sind als dieses hier. Deshalb passt die heutige Klassifizierung als American Pale Ale schon. Das Bier ist ganz lecker und sollte schon allein aus historischer Sicht mal getrunken werden. Allerdings finde ich den Meilenstein der Sierra Nevada Brewery, das „Pale Ale“, das auch schon 1981, inspiriert durch Liberty Ale, von Ken Grossmann kreiert wurde und immer noch ein Bestseller ist, noch beeindruckender. Das gehört bis heute zu meinen Lieblingsbieren.
  • Anchor Old Foghorn Barleywine Ale, 9.4% ABV: erstmals gebraut 1975 und seit 1976 in Flaschen erhältlich. Noch so ein Meilenstein, ist es doch das erste moderne Barley Wine der USA und hat ebenfalls viele Brauer inspiriert. Barley Wine („Gersten Wein“) ist ein traditioneller britischer Braustil der angeblich irgendwann entstand als England mal wieder mit Frankreich oder Spanien oder irgend einer anderen Wein liefernden Nation auf Kriegsfuss stand um den Ausfall von Wein Lieferungen zu kompensieren. Ob die Anekdote wirklich stimmt ist mir nicht bekannt aber die Story gefällt mir…auf jeden Fall wird der Sud mit hoher Stammwürze eingebraut und dann zu einen sehr starken Ale vergoren das durchaus geschmacklich an Wein erinnern kann.  Dieses Bier hier beginnt mit einer alkoholischen Süsse und endet in einem angenehmen, dezent bitteren Abgang. Es ist sehr vollmundig aber irgendwie auch gefährlich süffig für den hohen Alkohol Gehalt. Es ist bei Ratebeer Anchors best bewertete Bier (99 von 100). Das Perfekte Kamin Bier das man genüsslich aus einem Pokal schlürfen sollte.
  • Anchor Brekle’s Brown, 6% ABV: Ein Brown Ale, das mit Citra gehopft und hopfengestopft wurde.  2010 zum ersten Mal gebraut und 2011 dann als Flaschen Version erschienen. Also eines von den moderneren, die wahrscheinlich einfach gemacht werden müssen weil es sonst schwer auf dem US Markt wird, wenn man ausschliesslich von der Substanz leben will. Der Einstig ist schokoladig, der Körper vollmundig. Im Abgang kommt dann die bittere des Hopfens durch. Ganz gut gemacht, mir schmeckt’s.
  • Anchor California Lager, 4,9%: Kategorisiert als „Premium Lager“. Ein 2012 erstmalig gebrautes Lager Bier mit einem traditionellem Hintergrund: Der verwendete Hopfen namens „Cluster“ kommt von einem alten kalifornischen Stamm und sorgt für einen einzigartigen Geschmack. Es stemmt sich klar gegen das allgemeine Verständnis von US Lagern. Es ist sehr vollmundig, malzig und hopfig. Im positiven Sinne sehr ungewöhnlich für ein Lager. Macht Spass und ist es allemal wert probiert zu werden wenn man so dran läuft…
  • Anchor IPA, 6.5% ABV. Das jüngste der dauerhaft ins Portfolio aufgenommen Biere der Brauerei und auch gleichzeitig das erste „offizielle“ IPA von Anchor.  Es ist gut trinkbar und ein typischer Vertreter eines West Coast IPAs, weltbewegend isse allerdings nicht. Das bekommen heute auch schon viele Brauer in Mitteleuropa hin.

Zusammenfassend sei zu sagen, das Anchor sicher heute noch gute Biere macht, Innovationen kommen indes nicht mehr aus diesem Hause. Interessant ist die Entwicklung die man im Craft Beer Markt feststellten kann, wenn man Anchor’s  70er Jahre Biere mit heutigen Stil Vertretern vergleicht: Waren Sie damals regelrecht revolutionär, so sind sie heute längst nichts aussergewöhnliches mehr. Klar, wenn man sie mit US „Piss“- Lagern der Mega Brauereien vergleicht, sind sie grossartig, aber es gibt längst viel beeindruckendere Biere am Markt. Ich hoffe trotzdem das die Brauerei noch lange Bestand hat, da sie die Mutter einer Bierrevolution ist, die in den 1970er in USA startete, sich auf die der ganzen Welt ausbreitete und bis heute Anhält.
In diesem Sinne

Eurer hophead